Black History Marburg

Text: Organisationsteam des BHM Marburg 2020

 

Jedes Jahr im Februar wird in verschiedenen Communitys weltweit der Black History Month gefeiert, um global auf Schwarze Geschichte aufmerksam zu machen. 

Wie ist der Black History Month entstanden? 

Ausgehend von der heutigen Association for the Study of African American Life and History (ASALH) in den USA wurde dort 1926 eine „Negro History Week“ ins Leben gerufen. Sie wurde in der zweiten Februarwoche veranstaltet, so dass sie mit den Geburtstagen von Abraham Lincoln und Frederick Douglass zusammen fällt. Diese haben maßgeblich zur Abschaffung der Sklaverei in den USA beigetragen. 1

Später wurde die Woche zum Monat: durch das Civil Rights Movement in den 60er Jahren gab es ein immer höheres Bewusstsein und Engagement in der US-amerikanischen Bevölkerung und dadurch zunehmend mehr Veranstaltungen. Seit 1976 feiern die USA im Februar den Black History Month, welchem jeder Präsident seitdem offiziell ein neues Thema gegeben hat. 

2020 has held a mirror up to the world and forced many to see the reality of racism in all its guises. From Black people dying disproportionately in the pandemic, to the horrific murder of George Floyd and no justice for Breonna Taylor – the 26-year-old emergency medical worker killed by police in her ownhome.”

Catherine Ross – Founder Director, Museumand – The National Caribbean Heritage Museum Editor of Black History Month 20202
 

 

Zum einen soll der Monat die Errungenschaften Schwarzer Menschen sichtbar machen, die im gesamtgesellschaftlichen Kontext gerne übersehen werden, zum anderen soll er aber auch auf Rassismuserfahrungen aufmerksam machen. Vor allem soll der Zusammenhalt innerhalb der Communitys zelebriert und gestärkt werden.

Schwarze Menschen sehen sich weltweit in der Medienlandschaft oftmals mit sehr limitierenden Stereotypen und Klischees konfrontiert. So wird von einem großen Teil der afroamerikanischen Bevölkerung seit Jahren kritisiert, dass in den Filmen und Serien, die sich mit dem Schwarzen Leben in den USA beschäftigen und die regelmäßig mit Preisen, wie den Golden Globes und den Oscars ausgezeichnet werden, Schwarze Menschen meist nur im Kontext der Sklaverei gezeigt werden. Ein weiteres Klischee, das auch gerne verbreitet wird und das unterschwellig ein gefährliches Bild vom Schwarzsein untermauert, ist das der*des armen Schwarzen Kriminellen. Dieses Narrativ porträtiert Schwarze Menschen stets als imminente Gefahr für die weiße Gesamtbevölkerung und lässt nicht viele andere Charakteristiken zu. Auch Schwarze Geschichten, die nur erzählt werden, um eine*n weiße*n Held*in in Szene zu setzen werden lautstark kritisiert, so wie jüngst die Kontroverse um „The Green Book“, den Gewinner des besten Films bei den Oscars 2019, zeigt. Um dieses Stigma zu durchbrechen und die Vielfalt zu repräsentieren, die es in Schwarzen Communitys genauso wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe gibt, wurde der Black History Month ins Leben gerufen.3

Der Black History Month wird vor allem in den USA und Kanada (seit 1995) gefeiert, ist zunehmend jedoch auch weltweit durch Veranstaltungen vertreten. Der Black History Month in UK (seit 1987) findet im Oktober statt, wie z.B. auch in den Niederlanden und Irland (seit 2010). 

In Deutschland wurde der Monat das erste Mal in den 90er Jahren von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) gefeiert. 

 

Wie sieht es in Deutschland aus? 

„Ich glaube, was der Black History Month sein sollte, ist der Moment in dem viele weiße Menschen anfangen nachzuvollziehen, dass die deutsche Geschichte keine rein weiße Geschichte ist. Dass es auch sehr wichtig ist, deutsche Kolonialgeschichte nachzuvollziehen und zu reflektieren, was für einen Schaden Deutschland auf dem afrikanischen Kontinent hinterlassen hat – viele Menschen wissen das einfach nicht.“

– Fabienne Sand4

Auch beim deutschen Ableger geht es unter anderem darum Schwarze Geschichte zu erinnern. Hierbei werden die Errungenschaften von afro-diasporischen Persönlichkeiten in den Fokus gestellt. 

Darunter viele wichtige Kultur- und Bildungsschaffende, wie zum Beispiel die Dichterin, Autorin und Aktivistin May Ayim, die sich bereits in den 80er Jahren mit ihren Gedichten gegen Rassismus und für eine afrodeutsche Identität aussprach oder auch den Schauspieler Theodor Wonja Michael, dessen Familiengeschichte zeigt, dass afrodeutsches Leben in Deutschland, entgegen gängiger Meinung, keine neue Entwicklung ist, sondern schon seit Jahrhunderten existiert. Auch die deutsche Kolonialgeschichte auf dem afrikanischen Kontinenten und ihre verheerenden Nachwehen, die in deutschen Geschichtsbüchern gar nicht bis wenig Aufmerksamkeit bekommen, werden noch einmal stärker ins Licht gerückt.5 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Einwohnerzahlen nicht mehr hinsichtlich von Ethnie erfasst, weshalb es keine genauen Zahlen zu Schwarzen Menschen in Deutschland gibt. Schätzungen eines Berichts der EU Kommission gegen Rassismus und Intoleranz zufolge leben ca. 200.000-300.000 Schwarze Menschen in Deutschland, andere Quellen gehen von bis zu 800.000 aus.6 In dem Buch, „Farbe Bekennen — Afrodeutsche Frauen auf den Spuren Ihrer Geschichte,“ 1986 eröffneten May Ayim and Katharina Oguntoye eine Debatte über Schwarz Sein in Deutschland. Auch wenn sich das Buch vor allem mit Schwarzen Frauen in der deutschen Gesellschaft beschäftigte, führte es den Begriff Afrodeutsch ein (in Anlehnung an Afro- Amerikanisch im Englischen) und wurde zum Grundstein eines unterstützenden Netzwerks für Schwarze Menschen in Deutschland, dem ISD (Initiative Schwarzer Deutscher).7 Meist verstehen sich als Afrodeutsch in Deutschland geborene Menschen mit Afrikanischem Background, in manchen Fällen ist dabei nur ein Elternteil Schwarz. In Deutschland geboren zu sein ist nicht gleichbedeutend mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern wird die deutsche Staatsbürgerschaft durch die der Eltern festgelegt, basiert also auf Vererbung (und nicht auf Geburt). Schwarze in Deutschland geborene Menschen sind also nur dann deutsche Staatsbürger*innen, wenn mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Aufgrund eines Gesetzes im Jahr 2000 änderte sich dies. Seitdem ist es für Menschen nicht-deutscher Staatsbürgerschaft nach 3-8 Jahren in Deutschland möglich, sich darum zu bewerben.8

„In Deutschland wurde der Monat das erste Mal in den 90er Jahren von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) ins Leben gerufen. Hier geht es um die Errungenschaften von afrodeutschen Persönlichkeiten. Seit letztem Jahr haben sich afrodeutsche Organisationen, wie die ISD, Each One Teach One, Generation ADEFRA und die Werkstatt der Kulturen zusammengeschlossen. Den gesamten Monat veranstalten sie Communityevents und dieses Jahr sieht es ähnlich aus. Schwarze- deutsche Geschichte erhält dank dieser Initiativen Sichtbarkeit. Das reicht allerdings nicht aus. Nach dreißig Jahren Black History Month sehen deutsche Geschichtsbücher weiterhin gleich aus: Schwarze Geschichte findet keinen Platz. Fast so, als würden sie nicht existieren.“ 9

– Ciani-Sophia Hoeder

Wie sieht es in Marburg aus?

In Marburg schlossen sich 2020 zahlreiche Aktivist*innen, Kulturschaffende und Institutionen auf Initiative vom Landestheater und Schauspieler Simon Olubowale zusammen, um im Februar 2021 den ersten Black History Month zu gestalten. Was zunächst noch als Präsenzveranstaltung geplant war, musste bald coronabedingt in andere Formate übertragen werden und so entstanden zahlreiche Aktionen, die einen Auftakt zur Veranstaltungsreihe Black History Month / BiPoC History Month Marburg darstellen. 

Ein kleiner Einblick in einige Projekte:

Organisiert wurden beispielsweise Lesungen mit Texten Schwarzer Autor*innen, die Schwarze wie auch weiße Schauspieler*innen vom Landestheater und Theater GegenStand in einem Solidaritätsversuch lasen und in der Stadt verbreiteten- im Erwin-Piscator-Haus, der Theaterkasse in der Oberstadt und der Galerie JPG.

Das Hessische Landestheater Marburg veranstaltete zudem einen zweiteiligen Storytelling-Workshop mit Rogers Williams Mpaata aka Otako. Der Workshop stellte persönliches Empowerment in den Fokus und führte die Teilnehmer*innen in die Methodik des „True Storytellings“ ein. Die Geschichten wurden kreativ umgesetzt (Video, Audio oder schriftlich) und umfänglich angeleitet.

Das Kulturmobil lud ein, Videobeiträge zum Black History Month in Zusammenarbeit mit dem Werkraum56 zu gestalten und veröffentlichte diese im Internet.

Das KfZ veranstaltete den Live-Stream einer Lesung von Cigdem Toprak mit ihrem Buch „Das ist auch unser Land!“

Eine Plakatkapagne des HLTM machte verschiedene empowernde und aber auch Privilegien hinterfragende Texte im Stadtraum sichtbar. Eine weitere Plakatkampagne der Arbeitsgruppe Held*innen und Momente- Schwarze deutsche Geschichte erinnern zeigt Stencils (vereinfachte Darstellungen) der auf dieser Webseite dargestellten Personen und macht so auf wichtige Personen Schwarzer deutscher Geschichte aufmerksam, um von dort aus auf diese Webseite mit den eingehenden Texten zu verweisen.

All diese Projekte stehen neben der Arbeit zahlreicher Gruppen, Initiativen und Vereine, die seit Jahren für die Stärkung von BiPoC Communitys in Marburg und Umgebung kämpfen.

Bei Fragen, Kritik und Anmerkungen, zögern Sie bitte nicht, uns zu kontaktieren.

Wir freuen uns über Mitarbeitende für kommende Projekte!

Endnoten

  1. Zur Debatte um Lincoln: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lincoln-war-tief-verwurzelt-in-rassistischen-vorurteilen.954.de.html?dram:article_id=235317)
  2. https://www.blackhistorymonth.org.uk/article/section/bhm-intros/why-black-history-month-is-more-important-than-ever-this-year/
  3. https://editionf.com/black-history-month-deutschland/
  4. Fabienne Sand, Deutschlandfunk Kultur, 13.02.2020 https://www.deutschlandfunk.de/black-history-month-schwarze-geschichte-sichtbar-machen.2897.de.html?dram:article_id=492762
  5. https://editionf.com/black-history-month-deutschland/
  6. https://www.thoughtco.com/black-history-and-germany-1444311
  7. Ebd.
  8. Ebd.
  9. Ciani-Sophia Hoeder, https://rosa-mag.de/was-ist-der-black-history-month/