Theodor Wonja Michael

Schauspieler, Journalist, Beamter
*15.01.1925, Berlin; 
† 19.10.2019, Köln

Von Makamto Jeannette Joëlle Ngnoubamdjum

 

Theodor Wonja Michael wird am 15.01.1925 als jüngstes von vier Kindern in Berlin geboren. Seine Mutter ist weiße Deutsche, sein Vater Kameruner. Von 1884 bis 1919 stand Kamerun als sogenanntes “Schutzgebiet” unter deutscher Kolonialherrschaft.

Als seine Mutter ein Jahr nach seiner Geburt stirbt, wächst Michael zunächst als Halbwaise bei seinem Vater auf, der als U-Bahnbauer arbeitet. Als alleinerziehender Vater und Schwarz noch dazu war er den Behörden jedoch ein Dorn im Auge und somit kommt Theodor Wonja Michael später zu einer Pflegefamilie, bei der er unter ärmlichen Umständen aufwächst. Seine Pflegeeltern sind Betreiber von sogenannten “Völkerschauen”1 und somit musste er bereits als kleiner Junge entwürdigende Szenen nachstellen. Weißes Publikum fasste ihn an, berührte seine Haare und Haut und roch an ihm.2  Im Zuge der voranschreitenden Entwicklungen in Nazi-Deutschland musste er das Gymnasium verlassen und fortan einen “Fremdenpass” tragen, auch weil ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde – seine Geschwister konnten Deutschland zwischenzeitlich verlassen. Michael schlug sich als Page, Portier und Komparse durch (1942 spielte er u.a. mit Marie Nejar3 in der Romanverfilmung Münchhausen), versuchte so unauffällig wie möglich zu sein indem er Kontakt zu Behörden vermied und keine Beziehungen mit weißen Frauen führte, da dies zu Sterilisation und einer Anklage wegen sog. Rassenschande geführt hätte. Ums Überleben kämpfen mussten während dieser Zeit möglicherweise auch Personen wie Fasia Jansen, Hans-Jürgen Massaquoi oder Gert Schramm – auch sie waren Schwarze Menschen, die während der NS-Zeit in Deutschland geboren und aufgewachsen waren. In der Nachkriegszeit wurde Michael Vater, heiratete und verdiente seinen Unterhalt als Schauspieler und Journalist. Im Laufe der Jahre wentwickelt er sich zudem zu einem anerkannten Spezialisten mit Fokus auf den afrikanischen Kontinent. So erhält er im Jahr 1972 das Angebot für den Bundesnachrichtendienst zu arbeiten und war damit der erste Schwarze Bundesbeamte im höheren Dienst. Für Michael war die Annahme dieser Position keine Selbstverständlichkeit, zum einem, da dies bedeutete, dass er für ein Deutschland arbeiten würde, das ihn bisher nicht wollte und zum anderen, da in Behörden immer noch Beamte waren, die schon zur NS-Zeit dort tätig waren. Ihm war es allerdings auch wichtig den nachfolgenden Schwarzen Generationen zu zeigen, dass es möglich sei, trotz systemischem Rassismus eine Position wie diese zu erreichen. Im Rang eines Regierungsdirektors ging er 1987 in den Ruhestand. Nach seiner Pensionierung trat er wieder als Schauspieler auf und war eine wichtige und engagierte Person in der Schwarzen Community in Deutschland. Michael erzählte seine Geschichte und bot seine Erfahrungen stets den nächsten Generationen an, unter anderem auch in seiner 2013 veröffentlichten Biografie “Deutsch sein und Schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen.” 2018 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement als Zeitzeuge während der NS-Zeit ausgezeichnet. Initiiert von der Sonnenblumen Community Development Group e.V. haben sich einige Aktivist*innen im Sommer 2020 zusammengetan und arbeiten aktuell an der Etablierung einer „Theodor Wonja Michael Bibliothek“ in Köln. Diese Bibliothek soll afrikanische, afrodeutsche und afrodiasporische / Schwarze Literatur zugänglich machen und zudem ein Ort für Schwarze Communities werden. Für die Schwarze Community in Deutschland ist und bleibt er eine Person, die mit seiner Geschichte, Existenz und seinem Sein nicht nur Mut, sondern auch Hoffnung für die Gegenwart und Zukunft von Schwarzen Leben gemacht hat. Theodor Wonja Michael starb am 19.10.2019 in Köln.

Endnoten

  1. Völkerschauen waren Ausstellungen in Völkerkunde- oder ethnologischen Museen. Völkerschauen zielten darauf ab, als exotisch wahrgenommene Menschen lebend auszustellen.
  2. https://www.dw.com/de/ein-leben-gegen-den-rassismus-zum-tod-von-theodor-wonja-michael/a-50927718
  3. Marie Nejar (geb. 1930) ist eine Schwarze Deutsche ehemalige Schauspielerin, Krankenschwester und Holocaustüberlebende