May Ayim

Poetin, Pädagogin, Aktivistin, Wissenschaftlerin
* 3. Mai 1960 in Hamburg als Sylvia Andler; 
† 9. August 1996 in Berlin

Von Sharon Jamila Hutchinson

 

„ich werde
noch einen Schritt weiter gehen und noch einen Schritt
weiter
und wiederkehren
wann
ich will
wenn
ich will
grenzenlos und unverschämt bleiben“

– grenzenlos und unverschämt, May Ayim: 19901

Die Spree links von uns fließt schneller als wir einen Fuß vor den anderen setzen könnte. Schließlich an der Straßenecke angekommen: May-Ayim-Ufer, ehemals Gröbenufer.
Hier schichten sich Jahrhunderte Schwarzer, deutscher Geschichte. Das Wirken May Ayims bedeutete nicht zuletzt die Abwendung von hegemonialen, also vorherrschenden, kolonialen und neokolonialen Dominanzversuchen. Hier geht es um die Federführung des Schreibens Schwarzer, deutscher Geschichte. Es geht darum die Feder in die Hand zu nehmen. Den Staffelstab, den May Ayim übernommen hat, gibt sie immer weiter; niemals der gleiche, niemals linear und doch so sehr aufbauend auf dem, was vorher war. Aufbauend auf Widerstand, Analyse, Kampf und immer wieder: dem Erzählen. Hier, an diesem Ufer und in unserer kollektiven Erinnerung manifestiert sich die grenzenlos unverschämte Hinwendung zu unserer Geschichte. Unverschämt, ohne Scham, das heißt Aktivist:innen und Künstler:innen erinnern, schätzen und die Verweigerung, Kolonialverbrechern wie Otto von der Gröben einen Tag länger ein Denkmal zu setzen. Wir sehen dem Berliner Gewässer vom Ufer aus zu, wie es ruhig und heftig fließt, sich hier und dort am Beton bricht.

May Ayim, geboren am 03. Mai 1960 in Hamburg. Als Pädagogin, Wissenschaftlerin und vor allem als Dichterin bekannt, prägt May Ayim in den 80ern diasporische Diskurse, Künste, Kämpfe – zunächst in West-Deutschland, dann in der Bundesrepublik.
Nicht zuletzt trug May Ayim mit der Prägung des Begriffs Afrodeutsch zu einer bedeutenden Selbstbezeichnung im deutschen Sprachgebrauch bei.

Dies bedeutete ein neues Kapitel in der Überwindung rassistischer Fremdzuschreibungen.2 Begriffe wie Schwarze Deutsche bauen hier auf und ermöglichen darüber hinaus heute eine Vielzahl von Selbstbezeichnungen, die in ihrem Spektrum weit sind und sein sollen dürfen, weil unsere Leben es sind.

In der Veröffentlichung ihrer lyrischen Arbeiten wählt sie, neben der gedruckten Publizierung, immer wieder die Performance, die Interaktion mit Publikum. Ihre Live-Auftritte laden dazu ein, sie als Poetin und Performerin zu erleben. Sie liest ihre Gedichte nicht, sie rezitiert sie nicht; sie trägt sie vor, spielt sie, verweist auf den Aspekt mündlicher Überlieferung, oraler Tradition und Poetry, auf Sprechgesang, aber auch die Bedeutung von Sprache jenseits der Künste, jeden Tag. In der Doku “Hoffnung im Herzen” (1997) von Maria Binder nennt sie zum einen Linton Kwesi Johnson als prägenden künstlerischen Einfluss in einem Netz Schwarzer, diasporischer Kunstschaffender, zum anderen Audre Lorde als für sie wichtige Einflüsse. Letztere lernt May Ayim während einer Reise in Toronto kennen. May Ayim und Audre Lorde finden sich kurz darauf 1984 in Berlin wieder. Die beiden Freundinnen, Aktivistinnen, Poetinnen – die Liste der Selbstbeschreibungen ließe sich je fortsetzen – begleiteten einander in diesen prägenden Jahren. Lorde fasste diese Jahre oftmals als “The Berlin Years”, “Die Berliner Jahre” (Siehe gleichnamige Doku “The Berlin Years – 1984 – 1992” (2012) von Dagmar Schultz). Audre Lorde bezeichnet sich als black, lesbian, feminist, mother, poet, warrior. Sie gilt bis heute beständig als eine der bedeutendsten schwarzen, intersektional-feministischen Positionen. Hauptsächlich in den USA tätig, wirkte Lorde in ihren Berliner Jahren als Gastprofessorin, Mentorin und Freundin vielschichtig im Kontext feministischer Schwarz-deutscher Initiative und Intervention. Ob der weitreichenden und konsequenten Negierung, also Ablehnung und Leugnung Schwarzer, feministischer Perspektiven, bedeutete die Gastprofessur von Audre Lorde für das Schwarze feministische Selbstverständnis eine essentielle Intervention. Eine, die bis heute währt.

May Ayim legte in dieser Zeit ihren bürgerlichen Namen ab – ich lasse diesen ihrer Entscheidung wegen bewusst unerwähnt – und schließt 1986 ihr Studium mit ihrer Diplomarbeit “Afro- Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen” ab. Sie veröffentlicht diese im Band “Farbe bekennen, afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte”, den sie gemeinsam mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz Neujahr 1986 herausgibt.

Im Vorwort zum Buch schreibt Lorde: “Ihre Worte dokumentieren ihre Weigerung, die Verzweiflung lediglich mit Blindheit oder Stillschweigen abzuwehren. Solange wir unsere Unterdrückung nicht artikulieren, können wir sie nicht bekämpfen. Deshalb: Erhebt euch und schweigt nicht mehr!”3

Im gleichen Jahr gründet sich die “Initiative Schwarzer Deutscher”. May Ayim ist Mitbegründerin. Die Initiative, heute “Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland” entsteht fast zeitgleich zur Gruppe ADEFRA “Afro-deutsche Frauen”. Beide bestehen bis heute bundesweit und vernetzt in unzähligen lokalen Initiativen fort.

In diesem Umfeld, in diesen Jahren wird so eine Schwarze, feministische Praxis ermöglicht und gelebt, zu der gemeinsames Lernen und Sensibilisierung in der Auseinandersetzung mit Schwarzen Lebensrealitäten, die auch eine Auseinandersetzung mit Geschichte, aber auch Flucht und Migration, mit dem eigenen Körper, gegenseitigen Stärkung gehörte. An der Freien Universität Berlin etablierte sich mit Lorde in ihren Frauenklassen zusehends die Praxis Schwarzer Aktivist:innen sich bewusst und transparent auf andere Schwarze weiblich gelesene Personen zu beziehen zu beziehen.

2015 erscheint der Sammelband “Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung” im anlässlich des 30- jährigen Bestehens der Initiative, kurz ISD. Herausgegeben wird der Band, ähnlich wie Farbe bekennen von einer Gruppe Schwarzer, weiblich gelesener Personen sogar im gleichen Verlag, dem Orlanda Frauenverlag von: Denise Bergold- Caldwell, Laura Digoh, Hadija Haruna-Oelker, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Camilla Ridha und Eleonore Wiedenroth-Coulibaly. Das Netz an Brücken, Querverweisen, Wertschätzung und Transfer generationalen Wissens ist dicht und lebendig.

1989: Der Anschluss der DDR an die BRD. May Ayim bezeichnet die Jahre 1989 / 1990 als Jahr der Schlüsselerlebnisse: Die begonnenen Auseinandersetzungen, zarte Pflanzen des Antirassismus der 80er Jahre beginnen zu dürsten. Zunächst war da Freude, “[…] gleichzeitig war eine ganz komische Stimmung in der Luft. […] Also nicht so, dass jetzt plötzlich Rassismus aufgekommen ist, sondern ich denke der war vorher da, aber plötzlich war so ein”, ihr Blick wandert nach oben, sie zeigt ihre Handflächen in angedeutet raumgreifender Geste und bewegt ihre Schultern abwechselnd nach vorn, “Freiheitsgefühl, dass damit einherging: ‘So, jetzt zeigen wir es dem Rest der Welt.‘ […] Und ich erinner mich, dass ich an der U-Bahn stand und ein türkischer Mann sprach mich an und hat gesagt ‘Jetzt wird es schlimmer für uns.’”4

Es ist die Zeit von Asylgesetzverschärfungen, unverhohlenem Rechtsextremismus, flammender Rhetorik, dann in Flammen stehender Häuser. “[…] Und ich hatte das Gefühl plötzlich trauen sich Leute Sachen zu sagen, die sie vorher gedacht haben.”5
Bei Worten blieb es nicht. Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerswerder und viele mehr. Die Kontinuitäten rechter Ideologie sowie die deutscher NSVergangenheit und Gegenwart thematisiert May Ayim nicht zuletzt 1992 in ihrem Gedicht deutschland im herbst:

„erst hin und wieder
dann wieder und wieder
schon wieder?

ein einzelfall:
[…]
deutschland im herbst
mir graut vor dem winter“6

Ihr dazugehöriger Band “blues in schwarz weiß” erschien 1995 im Orlanda Frauenverlag. Wir lesen von Liebe, lesen von Aushandlungen einer Biographie, Unverschämtes, in allem immer wieder Ausdruck politischen Engagements.

“Ihre Worte prägten nicht nur mein Selbstbild, sondern vermutlich auch die
vieler anderer Schwarzer Menschen in Deutschland.
Der Blues ihres blauen Tuches ist auch Teil meines Blues.
Der Glanz ihres Goldes spiegelt auch meinen Stolz und mein
Selbstverständnis als Afrodeutsche wieder.

Ich sage danke!”

– Geneviève Lassey7

May Ayim stirbt am 09. August 1996. Da ist sie 36 Jahre alt. Nach wochenlanger Arbeit für den Black History Month 1996 wird sie in einem psychotischen Zustand psychiatrisch eingewiesen. Im Verlauf ihrer Klinikaufenthalte wird ihr unabhängig davon Multiple Sklerose, eine Nervenkrankheit diagnostiziert. Nachdem ihre Neuroleptika von ärztlicher Seite abrupt abgesetzt werden, kippt sie erneut in eine Psychose, besteht selbst darauf in der Klinik behandelt zu werden. Sie sei letztlich geplagt gewesen vom Gefühl nicht mehr schreiben zu können.8 Die Faktoren rund um die Entscheidung zum Selbstmord scheinen unendlich komplex, hier lassen sich keine einfachen Erklärungen liefern.

Über ihre früheste Sozialisation, also Prägung während ihres Aufwachsens sagt May Ayim noch 1996 in der Sendung B.trifft “[…] immer strenger, immer enger, bis ich fast keine Luft mehr gekriegt habe. […] Und sie streichelten mir über den Kopf […] und sie waren nett zu mir dabei, ganz nett, aber ich hab‘ gemerkt irgendwie stimmt etwas nicht.”9

Ihr Tod wirft Fragen nach der medizinischen Versorgung rassifizierter Menschen in ärztlicher Obhut sowie nach Möglichkeiten der Enttabuisierung psychischer Krankheit auf. May Ayims Präsenz verändert anhaltend und  nachdrücklich.

„und wiederkehren wann
ich will
wenn

ich will“

grenzenlos und unverschämt, May Ayim: 199010

In ihrer kompromisslosen Selbstbestimmtheit kehrt sie heute ständig wieder: Im Spott über das verschwurbelt Verlorene, in der Furcht vor der Wiederkehr des nie Verschwundenen, in der Freude über die tiefen Verbindungen, in Zerrissenheiten und Achterbahnfahrten, Sehnsüchten und Abschieden, in der Entscheidung keine Entscheidung im ewigen Entweder- Oder treffen zu müssen.

Endnoten

  1. May Ayim, 1990: grenzenlos und unverschämt. Erschienen in „Grenzenlos und unverschämt“, Orlando Frauenverlag, Berlin 1997
  2. Marion Kraft: May Ayim, Audre Lorde und die subversive Macht der : Ver-Dichtung in Spiegelblicke: Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland. Hrsg: Denise Bergold-Caldwell, Laura Digoh, Hadija Haruna-Oelker, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Camilla Ridha, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly
  3. May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz: Farbe Bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1986.
  4. Frauen-Fragen: Afro-Deutsch, WDR, 11.04.1994 in in Hoffnung im Herz. Mündliche Poesie. May Ayim, Maria Binder in Zusammenarbeit mit dem Orlanda Frauenverlag, Berlin 1997
  5. Ebd.
  6. May Ayim, 1995: deutschland im herbst. Erschienen in „blues in schwarz weiß“, Orlanda Frauenerlag, Berlin 1995
  7. Géneviève Lassey: May Ayim: Soul Sister für die Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main 2021
  8. Hoffnung im Herz. Mündliche Poesie. May Ayim, Maria Binder in Zusammenarbeit mit dem Orlanda Frauenverlag, Berlin 1997
  9. B.trifft, WDR, 19.01.1996 in Hoffnung im Herz. Mündliche Poesie. May Ayim, Maria Binder in Zusammenarbeit mit dem Orlanda Frauenverlag, Berlin 1997
  10. May Ayim, 1990: grenzenlos und unverschämt. Erschienen in „Grenzenlos und unverschämt“, Orlanda Frauenverlag, 1997