Joseph Ekwe Bilé

Aktivist, Performer, Publizist
*1892 Douala, Kamerun; † 1959

Von Sharon Jamila Hutchinson

 

Joseph Bilé gründete mit nur 6 weiteren Genossen eine der bedeutendsten antikolonialen Gruppen Schwarzer, deutscher Geschichte.

Schwarze, deutsche, sozialistische Kämpfe sichtbar machen und stärken! – Wer war Joseph Bilé und welche Rolle nahm er in diesem Kampf ein? 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Kinder und Jugendliche aus einzelnen, wohlhabenderen kamerunischen und togolesischen Familien zum Zwecke der schulischen Ausbildung ins deutsche Kaiserreich. Bilé, 1892 in der Metropole Douala, Kamerun geboren besuchte von 1912 bis 1914 das Technische Gymnasium in Hildburghausen in Thüringen, wo er zum Bauingenieur ausgebildet wurde. In den späten 20er gehörte er zu den einigen Hundert Schwarzen Menschen, die vor Beginn des ersten Weltkrieges nach Deutschland gekommen waren, nun in Berlin lebten und deren Kinder in der ersten Generation in Deutschland geboren waren. Viele, die so nun Teil der afrikanischen Diaspora wurden, hatten vorher auf dem Kontinent in Ländern mit deutscher Kolonialvergangenheit gelebt: Kamerun, Togo sowie dem ehemaligen sogenannten Deutsch-Ostafrika, Tansania, Burundi und Ruanda):     

1920, mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags, verliert 1919 Deutschland zunächst den  Krieg und nun die Überseekolonien. Das hat Einfluss auf in der Diaspora lebende Afrikaner:innen in Deutschland, die wieder auf dem Kontinent leben wollen: ihnen wird nun in großen Teilen durch Mandatsmächte die Rückkehr verwehrt. Bilés Lebenszeit überschneidet sich mit der eines Deutschlands während und zwischen den Weltkriegen: Dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus. In den ausgehenden 20ern bleibt der Arbeitsmarkt hart und die Endstation der Wirtschaftskrise kündigte sich an.
Im September 1929 wird Bilé unter diesen prekären Umständen schließlich zum Mitbegründer der Liga zur Verteidigung der N-rasse (kurz LzVN). Das N steht für eine rassistische Fremdzuschreibung, die an dieser Stelle auch als Eigenname nicht reproduziert werden soll und daher nicht ausgeschrieben wird. Diese Entscheidung erhebt keinen Allgemeingültigkeitsanspruch. 

Wenn wir die Gründung der LzVN in Ansätzen verstehen wollen, so lohnt es sich sie als eine grundlegende Positionierung in einem weiten Netz antikolonialer Kämpfe im Kontext Schwarzer, deutscher Geschichte zu betrachten. Ein paar ausgewählte Beispiele wären hier

  • die interventionistischen Aktionen der Aktivisten Alfred Bell und Mpundu Akwa vor 1914
  • die Gründung der Selbsthilfeorganisation Afrikanischer Hilfsverein, bei dem auch Bilé Mitglied war, Hamburg 1918
  • eine Petition, die unmittelbar nach Kriegsende durch diasporische, afrikanische Selbstorganisation um Martin Dibobe an die Weimarer Nationalversammlung gesandt wurde und auf die Unabhängigkeit und Souveränität Kameruns abzielte.

Die erste Rede Bilés, der bis heute Beachtung geschenkt wird, hielt er 1929 während einer Demonstration der Komintern (Kommunischtische Internationale) am Berliner Alexanderplatz. Die Komintern suchte in ihren Grundfesten zu transportieren, dass Kommunismus und Antikolonioalismus zusammengehören. In seinen Reden zeichnete  Bilé immer wieder genau diesen Zusammenhang von System und Ideologie nach. Die Liga selbst fand sich so zu Gründungszeiten in einem wachsenden bis florierenden internationalen Schwarzen Netzwerk, zu dem auch der Pariser Ableger der Liga (Ligue de Défense de la Race N-) gehört, wieder. Das langfristige Ziel: ein globales Netzwerk. Auf europäischer Ebene war hier der Aktivist und Gründer der Ligue Tiemoko Garan Kouyaté im Austausch und gemeinsamen Kampf bedeutend. Doch auch in die USA wurde mit schwarzen Intellektuellen wie Marcus Garvey und W.E.B. Dubois kommuniziert und zusammen gearbeitet. Personen wie Will Münzberg (Liga gegen Imperialismus) unterhielten darüber hinaus stets Kontakte zum Kontinent als unverzichtbarer Pfeiler im Kampf gegen Kolonialismus.
Sowohl die Festnahme Wilhelm Makubes in Salzburg 1919 als auch die Verletzung Josef Mambos durch Schusswaffengebrauch der Polizei während des 1. Mai 1924 zeigt, dass dieser Schwarze sozialistisch / kommunistische Kampf in Deutschland Gewalt und Repression, stetige Gefahr bedeutete.1 

Und auch finanziell war diese Arbeit prekär. Bilé sicherte sich in seiner finanziellen Existenz, zeitweise an der Seite von Josephine Baker als Darsteller auf Wiener Bühnen ab. Bühne und Leinwand wurden darüberhinaus in vielerlei Hinsicht (Ausdrucks)Mittel und politische Aktion. Prominent ist hier Bebe Mpessa aka Louis Brodys sogenanntes Rassentheater zu nennen, das sich die Dekonstruktion rassistischer Darstellungssysteme und weiß dominierter Geschichtsschreibung zur Aufgabe machte.
Die frühen 30er Jahre waren geprägt von neuen Allianzen und Kongressen wie dem Kongress der N-Arbeiter 1930 in Hamburg. Bilé Vertrat in Veranstaltungen stets die LzVN und lernte bei einem Kongress in Hamburg seinen zukünftigen Mentor George Padmore kennen. Mit Padmore lässt sich leicht die Relevanz eines bis in die West-Indies reichenden Panafrikanismus nachvollziehen, zu dessen Vordenker:innen er klar zu zählen ist.  Padmore veranstalte 1930 den Hamburger Kongress und war bereits 1929 in Frankfurt bei den Kongresstagen der Liga gegen Imperialismus dabei. Darüber hinaus institutionalisierte er die Schwarze Selbstorganisation in Form eines Büros und einer Schwarzen Arbeiter*innen Wochenzeitschrift. 1945, seit 1934 im Pariser und Londoner Exil auf der Flucht vom Nationalsozialismus wirkte er außerdem an der Organisation des 5. Panafrikanischen Kongress in Manchester mit.
Im Sommer 1932 begann Bilés Aufenthalt in Moskau an der  Kommunistischen Universität der Werktätigen, wo er 18 Monate blieb und sich theoretisch und rhetorisch intensiv fortbildete, sich Gewerkschaftsaktivismus, dialektischem Materialismus und einer Vielzahl kommunistischer Denker:Innen und Revolutionäre auseinander. Auch Padmore hatte einige Zeit in Moskau verbracht.
In Moskau besuchte er so beispielsweise Kurse unter der Leitung von Jomo Kenyatta, dem späteren Präsidenten Kenias. Bilé etablierte unterschiedliche Kontakte mit einflussreichen afrikanischen und afroamerikanischen Persönlichkeiten. Sie alle waren in ihrem Austausch und ihren Begegnungen so stets mobil und vernetzt. All dies galt der Vorbereitung Bilés Arbeit auf dem Kontinent, die Arbeiter:innen ins Zentrum der Aufmerksamkeit setzte.2

In Berlin bildete Bilé sich stetig weiter fort, besuchte er an der Deutschen Hochschule für Politik und der Marxistischen Arbeiterschule Propagandakurse und lernte so Hermann Duncker als Mitglied der Kommunisten Partei kenne, der Bilé Ende 1930 als erstes Mitglied der LzVN beitrat.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten allerdings dauerte es nicht lange, bis die LzVN verboten, Publikationen unterbunden, Büros geschlossen und die politische Arbeit in dieser Form unmöglich wurde. Der politische Druck war gigantisch, Souveränität erneut gemindert und ob der faschistischen Bedrohung breiteten sich Zwänge der politischen Zusammenarbeit mit westlichen Organisationen aus, zu denen die Positionen einzelner Aktivisti in Teilen variierte.
1935, als ihm die französischen Mandatsmächte – er musste dafür offiziell dem Kommunismus abschwören – die Einreise nach Kamerun final gestatteten, zog er vollständig dort hin zurück und begann als Architekt zu arbeiten. Joseph Ekwe Bilé starb im Jahr 1959 – ein Jahr, bevor Kamerun unabhängig wurde.

Endnoten

  1. Blutige Maifeier in Deutschland, in: «Neues Wiener Journal», 2. Mai 1924, S. 2.  
  2. Bilé, Joseph: How the Workers live in Cameroon, in: The Negro Worker, Juli 1932, S. 28-30.