Anton Wilhelm Amo

Theoretiker und Dozent
* um 1703 in bei Axim, Ghana

„Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser.“ – dieser Satz ist auf der sogenannten Reichs- Kolonialuhr zu lesen. Er stammt von Kaiser Wilhelm dem II., der damit 1898 eine neue Flottenpolitik und eine aktivere Weltmachtpolitik ankündigte.“

– Arnulf Scriba
Projektleitung der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, Deutsches Historisches Museum, Berlin

Diese Uhren lassen die Zeit anders laufen. Ja, ganz ohne Umwege wird hier neben der Zukunft auf dem Wasser von einer Sonne geträumt, die niemals untergehen möge. Deutscher Landbesitz jenseits der Äquatoriallinie, so, als wäre immer Tag und dann ist es wirklich nicht mehr weit zur Taufung des Kilimandscharos zum höchsten Berg Deutschlands – so geschehen. Der koloniale Traum vom Platz an der Sonne war nie etwas anderes als eine Gewaltfantasie.

Erstaunlicherweise können wir beobachten, dass viele deutschsprachige, literarische Entwürfe von Kolonialgeschichte erst hier, um 19. Jahrhundert ansetzen. Nicht zuletzt entlang der Umrisse der Biographie Anton Wilhelm Amos, lässt sich allerdings erkennen, dass gewaltvolle, weiße, deutsche Vorherrschaft bereits Jahrhunderte früher in Form kolonialistischer Landübernahme, Entrechtlichung und Versklavung herrschte:

Amo, der häufig zu allererst als einer der ersten Schwarzen Deutschen Intellektuellen (Philosophen) verortet wird, wurde um 1703 bei Axim in Ghana geboren. Ghana steht zu diesem Zeitpunkt unter deutscher Kolonialherrschaft. Wir schreiben das 18. Jahrhundert. Es ist die Zeit der zerstörerisch durchgesetzten rhetorisch und physisch spürbaren verbrecherischer Errichtung deutscher Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent.

Frühaufklärung – an der Intersektion, also der Überschneidung und Gleichzeitigkeit absolutistischer, barocker Herrschaft und den Jahren philosophischer Aufklärung, die Zeit konfessioneller Konflikte. Im Kontext von Amos Biographie ist hier auf spannungsgeladene Umgrabungen und Abgrenzungen zwischen Traditionen und sich wandelnden Weltanschauungsmodellen, von Aushandlungen zwischen den Disziplinen Philosophie und Theologie zu verweisen. Dabei waren Werdegang und Erfolgschancen von Gelehrten und Lehrenden stark von herrschaftlichen Strukturen der Förderung abhängig. 1

In vielen gängigen neo-kolonialen Behauptungen entsteht der Eindruck afrikanische Geschichtsschreibung beginne erst mit der gewaltsamen Vereinnahmung von Land und Arbeitskraft. Auch in der Abhandlung biografischer Eckdaten könnte der Eindruck entstehen afrikanische Gelehrte wären ohne Versklavung nicht zu denken. Hier geht es also ausdrücklich nicht darum philosophische Denktradition eines prä-kolonialen Afrikas zu unterschlagen, sondern darum konkret in die spezifische, kolonialgeschichtliche Konstellation eines ghanaeschen Intellektuellen in Deutschland zu blicken, der so zur frühen Schwarzen deutschen Geschichte mit all den Widersprüchen des 18. Jahrhunderts gehört.

Als ca. 4 Jahre altes Kind versklavt und an den Hof des Herzogs von Braunschweig- Wolfenbüttel verschleppt, wurde Amo jenseits jeder Freiwilligkeit in ein Leben am Hofe gerissen. Dort besuchte er zunächst die Schule und dann die Uni. Die Frage nach der Möglichkeit von staatlich unabhängiger, sowie säkularer, also eine Trennung von Staat und Religion vorsehende Bildungslandschaft stellt sich schon damals, brisant und dringend. Die Förderung wissenschaftlicher Projekte fiel stets eng mit der Gunst der Herrschenden zusammen. Und Amo hatte es als Anhänger der Wolffschen Philosophie, bei aller Anpassungsfähigkeit, die ihm wohl nachgesagt wird, nicht leicht. In Frage zu stellen ist ohnehin, in wie fern diese Anpassungsfähigkeit der traumatischen Erfahrung einer Versklavung und Verschiffung überhaupt als freundliche Qualität hervor gehoben und nicht vielleicht als überlebenswichtige, strategische Aneignung von Codes und Wissen gelesen werden muss.

In seinen Entscheidungen wissenschaftlichen Schaffens wirkt er dabei nämlich entschlossen bis widerständig: Den Beginn Amos öffentlichen, intellektuellen Schaffens markiert seine 1729 publizierte Disputation Die Rechtsstellung der Mohren in Europa. Er untersuchte „wie weit den von Christen erkauften Mohren in Europa ihre Freyheit und Dienstbarkeit denen üblichen Rechten nach sich erstrecke.“ 2

1730 schreibt sich Amo an der Universität Wittenberg ein, wo er das Magistrats der Philosophie und der Freien Künste erwirbt und 1734 seine Dissertation abschließt. Ab 1736 beginnt er an der Philosophischen Fakultät in Halle zu dozieren, wo man ihm heute eine Statue aufgestellt, aber sich bisher dagegen entschlossen hat, eine Straße nach ihm zu benennen. In der Zeit bis 1738 erscheint von Halle aus sein Traktat Die Kunst sorgfältig zu philosophieren. Nach mehreren Ortswechseln innerhalb Deutschlands wird Jena schließlich von 1739 – 1747 zu Amos Basis, von der aus er Deutschland verlässt. Berufliche Unsicherheiten sowie soziales Unbehagen in Folge einer gegen ihn gerichteten Spottkampagne, die ihn in seiner Geschlechtsidentität und Herkunft angreifen sollten, haben schließlich seinen Umzug nach Axiom, Ghana zur Folge. Von dort aus wiederum erfolgt sein Umzug ins Küstenfort „vermutlich nicht freiwillig denn im dem vom Sklavenaufständen erschütterten Kolonialreich der Holländer stellte Amo mit seiner europäischen Bildung eine Gefahr dar.“ 3

Die braunschweiger Ausstellung Thinking With, Through and by Anton Wilhelm Amo, die zu Ehren Amos Schriften und Rezeptionen im Kunstverein ausstellt, macht eines besonders deutlich: Obwohl uns heute Jahrhunderte von Amo trennen, bleiben seine wissenschaftlichen Interventionen als politischer Akt im Streben nach Befreiung und Gleichheit aktueller als uns lieb sein mag.

Endnoten

  1. Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Katalog zur Ausstellung Homestory Deutschland – Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart, Edition Assemblage, 2014
  2. Amo, Anton Wilhelm, 1729: Die Rechtsstellung der Mohren in Europa
  3. Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Katalog zur Ausstellung „Homestory Deutschland – Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart, Edition Assemblage, 2014